jeder Tag ein Erlebnis - kein Tag wie der andere - neue Eindrücke, neue Begebenheiten
ein kurzer Moment im Paradies - aktuelles Geschehen
immer wieder neu - der Beginn des etwas anderen Tagebuches
... u. a. mit Karlchen, dem Austernfischer, und natürlich auch mal mit Ekkenekkepenn, dem guten Geist des Meeres
19. Juni 2009
Es ist Freitagmorgen, 5 Minuten nach 4 Uhr, also eigentlich noch mitten in der Nacht. Der Durst wird immer übermächtiger, rächt die Vergesslichkeit, keine Flasche Wasser ans Bett gestellt zu haben. Nicht lange dauert’s, dann besiegt der Durst langsam aber sicher – wie der Volksmund so schön sagt – den inneren Schweinehund, zwingt die Füße aus dem warmen Kuschelbett, entzieht Füße und Körper dem Schutz der großen rot-weißen Leuchttürme und schwarz-weißen Austernfischer mit deren leuchtendrotem Schnabel und genauso roten Füßen. Ja, bis dass der Durst mich übermannte schlief ich sehr angenehm, ruhte behütet und beschützt unter diesem Design, das unsere Betten in bester Satin-Damast-Qualität schmückt: Leuchttürme und Austernfischer. Selbst im tiefsten Schlaf werde ich also umgeben von vielen Leuchttürmen, gehe deren Anwesenheit nicht verlustig - schließlich schicken sie auch real nachts ihre Leuchtkegel durchs Fenster in unser Schlafgemach. Dazu umgeben von den optisch nicht unterscheidbaren Karlchens und Karolinchens oder anders gesagt: behütet von den Austernfischern, unseren absoluten Lieblingen in der Vogelwelt, die real Nacht für Nacht, im Sommer wie im Winter in allernächster Nähe, auf der Warft und auf den Fennen ihr unverkennbares Spektakel veranstalten.
Der Gang in die Küche entschädigt gleich erstmal für die gestörte Nachtruhe: ein beeindruckendes Morgenrot breitet sich am Horizont hinter dem nordöstlichen Teil unserer Nachbarhallig, hinter Langeneß aus, zieht den Blick magisch zum und aus dem Fenster. Doch draußen ist offenbar "Einer", den scheint das Schauspiel am Horizont nicht zu interessieren, der muss mit pausenlosem "Dividevid-Dividevit-Dividevit" die Stille der sich verabschiedenden Nacht zerreißen. Obwohl, von einer Stille der Nacht kann ja alles andere als die Rede sein, eher schon von einem unendlichen Konzert. Da flöten die Rödbeen (seines Zeichen der Watvogel ‚Rotschenkel‘) ihr stets etwas traurig-klagend klingendes Solo in die frische, leicht stürmische Nordseeluft oder aber sie harmonieren als Begleitflötisten mit dem aufreizenden Gesang hunderter lebenslustiger, mit dem Brutgeschäft bzw. inzwischen schon mit der Jungenaufzucht beschäftigter Seeschwalben, unterbrechen und untermalen gleichzeitig die vielzähligen, dominanten Rufe der Austernfischer, unterstützen die zahlenmäßig weit unterlegenen Wiebe (seines Zeichen Kiebitz) bei deren Versuch, sich akustisch gegen die Lach- und sonstigen Möwen mit deren spöttischem "Ha-Ha-Ha"-Lachen durchzusetzen. Doch wie gesagt, Karlchen – unser Austernfischer – will sich heute nicht so recht in die Harmonie des nächtlich-frühmorgendlichen Konzerts einordnen, Karlchens Ruf ist plötzlich ein anderer, klingt irgendwie fordernd, fast schon zwingend, macht so gar keine Pause - nur mal, um nach Antwort zu lauschen. Ja, jetzt höre ich es ganz genau, dem permanenten Ruf fehlt das obligatorische "Divide", es bleibt nur noch das "vit" - das sich dafür mit kaum merklichem Luftholen ununterbrochen aneinander reiht, zum endlosen "vit - vit - vit - vit - vit - vit ..." wird. Ja, bis die Antwort kommt, aus Rufweite zwar, doch nicht aus unmittelbarer Nähe "vid - vid - vid - vid - vid - vid ..." Wen oder was ruft Karlchen, wo ist er überhaupt? Weit kann er nicht sein, aus allernächster Nähe scheint sein "vit - vit - vit - vit - vit - vit ..." zu kommen, das einerseits unaufgeregte doch andererseits zwingende Rufen.
Ein Blick durch die großen, Gardinen freien Sprossenfenster der Haustür bestätigt: Karlchen befindet sich in unmittelbarer Nähe, gerade biegt er um die seitliche Hausecke, biegt mit kleinen Tippelschritten ein in den in der Warft gelegenen Garten, pickt nun keine 1 1/2 Meter mehr entfernt von der Haustür mal links, mal rechts im Gras, dabei unentwegt mit gleichem Tonfall "vit - vit - vit - vit - vit - vit ..." rufend.
"Moinmoin Karlchen! Schaust du auch mal wieder in unserem Garten vorbei? Das ist aber ein sehr, sehr seltener Besuch hier in der Warft. Der letzte ist ja schon sooo lange her, da, als du dich hier mal blicken ließest. Damals, im Winter, da war’s ein gemeinsamer Besuch mit deinem Frauchen, da suchtest du ein bisschen Schutz, da hofftest du auf einen guten Leckerbissen in etwas ruhigerem, etwas geschützterem Umfeld. Aber sag‘, Karlchen, was gibt's, was ist denn los?"
Karlchen stutzt für einen kleinen Moment, hält ganz kurz inne, schaut ganz kurz hoch zur Tür, schaut mich mit großen Augen an, unterbricht für maximal 3 Silben sein "vit - vit - vit - ... - ... - ...", um sich dann seiner selbst völlig sicher und ansonsten völlig desinteressiert wieder abzuwenden, mit kleinen Tippelschritten wieder seinem Picken nach links und rechts zu widmen, dabei unverdrossen "vit - vit - vit - vit - vit - vit ..." zu rufen – und die Antwort folgt auf dem Fuß: "vid - vid - vid - vid - vid - vid ...". Noch einige Male geht’s hin, geht’s her, hier das Rufen, da das Antworten, mit jedem Ruf, mit jeder Antwort verkürzt sich akustisch die Differenz, immer näher scheint die "Antwort" zu kommen.
Da, ich traue meinen Augen nicht, kneife sie schnell ein-zweimal zusammen - doch, es ist wahr: da kommt etwas mehr oder weniger kontrastarm-graues, flaumig-kuscheliges Etwas angetippelt. Tatsächlich, fast unglaublich! Da kommt doch wirklich Karlchens Nachwuchs um die Hausecke gebogen. Heute, hier, kurz nach 4 Uhr in der Früh! Der auf den Tag genau 1-Wochen-alte Nachwuchs von Karlchen und Karolinchen: Karlie. Und schon lässt sich auch Karolinchen blicken, keine 2 Schritte von Karlie entfernt, immer in "Hab-Acht-Stellung", immer angespannt und in größter Sorge.
Nun ist das Rätsel gelöst, nun weiß ich Karlchens eigenartigen Ruf einzuordnen, jetzt weiß ich, was er bezwecken wollte, wen und was er gerufen hat, wen und was er in unseren Garten lotsen wollte. Jetzt weiß ich natürlich auch, wer immer wieder antwortete, erst aus weiter Entfernung, dann immer etwas näher kommend, Karolinchen nämlich. Einen ganz schön weiten Weg haben die Drei zurück gelegt, vom Riedgras am Fuße der anderen Warftseite, um die halbe Warft, hoch und rund ums Haus, hin zur Warftmitte in unseren Garten. Und das alles sozusagen mitten in der Nacht, alles auf und mit den kleinen Tippelfüßchen. Denn schließlich kann Karlie seine kleinen Stummelflügelchen noch nicht für das einsetzen, für das sie mal bestimmt sind. Noch befindet sich da mehr oder weniger nur Flaum, wo in Kürze die Schwungfedern wachsen, noch dienen die Stummelflügelchen mehr der Balance als dem Fliegen.
"Moinmoin Karlie, moinmoin Karolinchen! Das ist aber ganz toll, Karolinchen, dass Du mir Dein Kleines, Dein allerliebstes Lüttes, vorstellst, aus allernächster Nähe zeigst. – Nein, lasst euch nicht von mir stören, fühlt euch wohl in unserem blühenden Halliggarten, sucht und findet schöne Leckerbissen, dicke, fette Regenwürmer, hmm, allerbesten Kram ..."
Rund um die stets mit frischem Wasser gefüllten Gießkannen tippelt Karlie, 1 oder 2 Meter auf dem Plattenweg in diese und in die andere Richtung, dann die wenigen Schritte hin zum eingegrenzten Gartenland, zurück zur anderen Seite, zum eingegrenzten Blumenland, dazwischen immer wieder mal mit ganz eiligen Schritten zu Mama, stets in der Hoffnung auf Nahrhaftes. Ab und an ruft auch mal Karlchen, ab und an spurtet Karlie dann auch mal zu ihm, bekommt von Papa einen Leckerbissen. Meist aber bleibt Karlie, brav wie es sich gehört, in unmittelbarer Nähe zu Mama - naja, da wird Karlie ja auch immer wieder unter die Fittiche genommen, in doppelter Hinsicht sozusagen: mal zum wärmen unter die Flügel, dann wieder zum einweisen in die notwendigen Dinge des alltäglichen Lebens.
"Halt, Karolinchen! Aufs Blumenland musst du aber nicht gehen, das hast du doch bisher noch nie getan!!! Im Gras findest du schließlich die gleichen Leckerbissen, wenn nicht sogar bessere - außerdem, musst du ausgerechnet jetzt, im Beisein von Karlie, derartige "Unsitten" an den Tag legen? Du weißt doch wie die Lütten so sind: das was sie lernen sollen, das haben sie nicht gesehen, aber das was sie nicht lernen sollen, das bekommen sie alle mit ...
Eine lange Zeit noch halten sich die drei außergewöhnlichen Besucher in unserem Garten auf. Mal ruft Karlchen nach Karlie, präsentiert ihm einen schönen saftigen wie auch erdigen Regenwurm, mal lockt Karolinchen ihren Nachwuchs mit einem Leckerbissen und versucht gleichzeitig, ihn in der Regenwurm-Pick-und-Zieh-Kunde zu unterrichten. Nur: so mitten in der Nacht lässt die Aufmerksamkeit von Karlie sehr zu wünschen übrig, an den Tagen zuvor haben wir schon einen viel interessierteren, wissbegierigeren Nachwuchs beobachten können.
Wie dem auch sei, langsam aber sicher zieht’s mich wieder dahin wo ich herkam, nämlich unter mein kuscheliges Eiderdaunenbett, überzogen mit optisch gleichermaßen ansprechendem wie auch lustigem Design: auf weiß-marineblauem Grund rot-weiße Leuchttürme, dazu schwarz-weiße Austernfischer mit tiefroten Schnäbel und Beinchen. Einem Kuschelbett, das zu ungestörten glücklichen Träumen anregt, das das gerade Gesehene nicht so schnell verblassen lässt - sofern das Wasser für den Fall der Fälle, für den Durst in der Nacht, nicht vergessen wird ...
Anfang Mai 2009
Viel ist in der Zwischenzeit geschehen, Vieles wird noch von und über die Hallig, von und übers Halligleben zu berichten sein. Denn wenn auch das Tagebuch in den letzten Monaten zu kurz kam, so sind all die schönen Erlebnisse, die beglückenden Begebenheiten, die es doch immer wieder gegeben hat, nicht vergessen. Sie sind gut verwahrt: mal mit ein paar Stichworten an zuverlässiger Stelle, mal ganz einfach nur im Herzen. Doch wo auch immer sich derzeit das Halligleben, die schönen Begebenheiten der stillen Zeit, nämlich des Winters, "verborgen" halten, sie werden ganz sicher ans Tageslicht kommen, demnächst das Tagebuch ergänzen ...
Außerdem liegt ganz sicher eine wunderschöne Zeit vor uns, eine turbulent-aufregende! Denn was gibt's Schöneres, Aufregenderes als das Frühjahr auf der Hallig. Wenn die Ringelgänse die Fennen, die "Durchzügler" das Watt bevölkern, die balzenden Wat- und Wasservögel die kühnsten Tänze veranstalten, riesige Schwärme von Zugvögeln den Himmel schwarz färben, der Gesang und die Musik der gefiederten Gesellen die Luft erfüllt ... Na ja, und wenn dann schon der erste Nachwuchs schlüpft, die ersten Geh- bzw. Watschelversuche unternimmt, dazu natürlich wie immer auch viele unvorhergesehene Dinge geschehen, den eigentlich wohlgeordneten Tagesablauf durcheinander bringen, dann gibt's viel zu berichten! Dann wird der November ganz schnell ins Archiv verbannt, dann gibt's immer wieder einen neuen "aktuellen Tag" ...
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