Halligparadies

Sonne, Wind und Meer ... Faszination Halligwelt, Naturpark Wattenmeer ... Wildgänse, Wasser-, Wat- und Zugvögel ... ein Leben zu Grootmoderstieden und heute ... mit dem Austernfischer Karlchen, Nordmeertrollen, Seeteufelchen, Ekkenekkepenn ...

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Mitte April 2008
Schöner kann's gar nicht sein auf der Hallig, draußen in der Sonne, hier in unserem kleinen Paradies! Seit drei Tagen nun scheint sie wieder, die Sonne - kaum dass ich mich über ihre Abwesenheit beklagt hatte, kaum dass ich das stürmische, Sonnen lose und vor allem so kalte Wetter gerne gegen den Frühling tauschen wollte. Und nicht nur, dass die Sonne wieder scheint, nein, auch der Wind hat sich schlafen gelegt, wollte seiner Freundin, der Sonne, uneingeschränkte Aufmerksamkeit zukommen lassen. Das ist ihm gelungen, dankbar bin ich dafür! Denn gleich wird's angenehmer draußen, sehr viel angenehmer, selbst wenn es das Thermometer - jeden Tag ein wenig mehr - grade mal auf inzwischen 10 Grad schaffte. Doch was sind zehn Grad bei fast Windstille und schönstem Sonnenschein gegenüber vier Grad, Bewölkung und heftigem Wind mit einer Stärke von mindes-tens "6". Da sind keineswegs nur sechs Grad Differenz nach Adam Riese - nein, dazwischen liegen Welten, ohne Zweifel ein gefühlter Unterschied von ganz sicher mehr als fünfzehn Grad. Außerdem geht dank der intensiv strahlenden und so angenehm warm scheinenden Sonne gleich das Herz auf, jede Pore der Haut öffnet sich, mit jeder Faser des Körpers wird ganz schnell die Frühlingsahnung aufgenommen, realisiert - und schon ist das Leben noch mal so schön!
Wie kann's anders sein, ein solch rundum wunderschöner Tag lädt ein, ganz schnell der einengenden Stube zu entkommen, die langsam erwachende Natur hautnah zu erleben, die Sonnenstrahlen im Gesicht zu spüren, zu schauen, ob auch andere Geschöpfe so empfinden. Zu schauen, welche der gefiederten Zweibeiner, welche der regelmäßig hier erwarteten Wat- und Zugvögel inzwischen unser Paradies erreicht haben, aus weiter Ferne aus dem Winterquartier zu uns kamen, sei's zur Zwischenstation auf dem Zug ins arktische Brutgebiet um aufzu-tanken, sei's um hier ihre Freunde und ihr Domizil zu finden.
Nicht der übliche Wattspaziergang, nein, der Weg zur Muschelbank sollte es heute sein, um all die wie Schmet-terlinge in der Luft umher schwirrenden Fragen zu beantworten ... wie viele Ringelgänse sind's inzwischen, die mal die Halligfennen, mal die Luft und dann wieder das Watt bevölkern, ob die Säbelschnäbler und die Kiebitze ihr Revier bereits abgrenzen, vielleicht schon die ersten Seeschwalben eingetroffen sind, gar das Erreichen der Muschelbank in Frage stellen? Und unsere vielen Karlchens, die Austernfischer, haben sie schon Frühlingsgefühle, becirzen sie bereits ihr Karolinchen? Dann die Rödbeen (Rotschenkel), flöten sie ihre melancholischen Soli in die sonnendurchflutete Halligluft, suchen nach dem geeigneten Brutplatz? Und die ...
Ja, ein ausgelassen-fröhliches, ein akustisch unüberhörbares, ein freudiges Leben findet statt, wo auch immer ich hin höre, wo auch immer ich hin schaue oder wen auch immer ich dabei entdecke: auf den Fennen, Prielen, in der Luft, im Watt und auf dem Meer. Tausende Ringelgänse lassen es sich gut gehen, grasen und futtern, erhe-ben sich - derzeit noch recht elegant - in die Luft, drehen eine Runde, futtern und grasen, erheben sich in die Luft, fliegen ins Watt, knapp hinter den Spülsaum, da, wo das Wasser gerade den Boden bedeckt, da, wo sie schwimmen aber auch fast noch stehen können, köcheln nach Grünfutter. Noch eine etwas längere Zeit wird es dauern, bis sie zurück kommen, sich auf dem großen Priel niederlassen, ihr tägliches Bad nehmen und Gefieder-pflege betreiben, sich putzen - um dann wieder zu grasen und zu futtern, die Familienbande zu festigen, Kontakte mit Bekannten zu vertiefen, neue Kontakte zu knüpfen.
Karlchen und Co. sind froh, sind glücklich und übermütig, sie freuen sich, dass es ein wenig wärmer wird, planen für die Zukunft, beeindrucken die jeweils Liebste mit besonderer Aktivität und besonderer Fürsorge. Sie alle zu-sammen meinen, der ganzen Halligwelt ihre Freude mitteilen zu müssen, lautstark natürlich "Dividevid-Dividevit-Dividevit", also schließen sie sich schon mal zusammen, um in "konzertierter Aktion" zu agieren, ein lautstarkes Gruppenspektakel zu veranstalten, "Dividevid-Dividevit-Dividevit" mal in der Luft und mal am Boden - bis Karolin-chen zur Mäßigung mahnt, die Herren der Schöpfung auf den Boden der Realität zurück holt, an die momentan vorderst an stehenden Pflichten erinnert ...
Weniger lautstark geben sich die Säbelschnäbler, fast schüchtern schon. Sie mögen's in ihrer Art lieber stiller, zurück-haltender, agieren lieber im Verborgenen. Die Aufmerksamkeit, nein, die mögen sie nicht so gerne erre-gen - obwohl das ob ihres imposant-eleganten Äußeren nicht besonders leicht ist. Ob das "Nichtauffallenwollen" der Grund dafür ist, dass sie schon vor längerer Zeit, schon außergewöhnlich früh in diesem Jahr die Hallig er-reichten, sich in aller Ruhe und fast unbemerkt ihre Brutplätze suchten?
"Düdelüd-Düdelüd" ... Unentwegt flötet unser Rödbeen gen Himmel, mal im flachen Prielwasser, mal am Prielrand, dann wieder in eiligem Flug wo auch immer hin. Was gibt's so Wichtiges zu berichten, welche Neuigkeiten müssen so schnell unter die Leute gebracht, weiter erzählt werden? Ach du kleines Rödbeen, warum bist du nur so auf-geregt, was willst du mir denn sagen, was willst du mir zeigen? - Oh, das ist ja toll, jetzt sehe ich es auch, Danke liebes Rödbeen, ich sehe das erste Kiebitzpaar in diesem Jahr auf der Hallig, hier, auf dem Weg zu Muschelbank. Na, nun wird es ganz sicher weiter aufwärts gehen, nun wird in den nächsten Tagen auch "unser" Wiebe-Paar kommen, das Paar, das seit einigen Jahren direkt bei unserer Warft, in unserem direkten Umfeld sein Zuhause hat, dort Jahr für Jahr seinen Nachwuchs aufzieht, seine Jungen mehr als mutig, sehr aggressiv gegen die lauernden Möwen verteidigt.
Gar nicht aufzählbar all die vielen Begegnungen, die beglückenden Erlebnisse, die kleinen - positiven - Schick-sale, die sich rundum auf dem Halligland und im Wattenmeer den weit offenen Augen bieten, die registriert und auf der inneren Festplatte abgespeichert werden wollen Immer wieder ruft es "Schau, wir sind auch schon da" und überall - wo auch immer das Auge hinschaut, das Ohr hinhört - da präsentieren sich Neuankömmlinge, da stolzieren stolz und wohlgenährt die Wat- und Zugvögel, die schon seit einiger Zeit hier rasten, neue Kräfte sammeln ... Und die Krönung des Tages: am späten Nachmittag, nach "erfolgreichem" Besuch der Muschelbank, nach wohlverdienter Erholungspause, da fliegt sie plötzlich vor dem Fenster, erst in die eine Richtung, dann in die andere Richtung, dreht ihre Runden. Ja, sie ist es, sie ist heute angekommen, die Rauchschwalbe, die ver-gangenes Jahr ihr Nest in der Laube vor dem Haus bezog, dort vier Junge ausbrütete!
 
Natürlich ist sie nicht alleine gekommen! Selbstverständlich, ihre Familie hat sie mitgebracht, ihren Partner. Ob sie auch in diesem Jahr wieder den gleichen Nestplatz bezieht, schleunigst das Gelege hineinlegt, aufopferungs-voll und mit viel Geduld das Schlüpfen der Jungen erwartet, um dann noch aufopferungsvoller auf Futtersuche zu gehen, den Jungen Ernährer und Schulmeister fürs Leben zu sein? Absolut bewundernswert dieser selbstver-gessene Einsatz! Aber unser Rauchschwälbchen ist nicht der alleinige Neuankömmling, nein, wie ich hörte, sollen ebenfalls die ersten Seeschwalben gerade eingetroffen sein. Schade, ich habe sie heute noch nicht gesichtet, aber ich weiß, ich werde sie in den nächsten Tagen zu Gesicht bekommen. Ich weiß außerdem, dass das heute die letze Früh-jahrs-Tour zur Muschel war, in wenigen Tagen schon werden immer mehr Seeschwalben eintreffen, die Muschel mit Beschlag belegen, dort die Kinderstube einrichten, einen Besuch verbieten ...
  
Monatswechsel März/April 2008
Gerade sind sie wieder gekommen: mindestens 200 Ringelgänse. Direkt vor dem Fenster, auf der Warftwiese grasen sie, unmittelbar bis zum kleinen Blumenbeet vor dem Haus. Und nochmal so viel - nein, mindestens doppelt so viele -  grasen,  schnattern und watscheln ums Haus herum, an der Westseite, ebenfalls bis dicht ans Haus, kurz vors Fenster. Ein Wettrupfen hat begonnen: wer schafft es am schnellsten, die größte Gras-menge abzurupfen, über den Schlund in den Magen zu schlingen, in für die kommende Flugreise notwendige Reserven, in Fettpolster zu verstoffwechseln. Und so schön saftig ist das Gras! Kein Wunder, hatten sie, die Gänse, es doch 3-4 Tage ungestört wachsen lassen, wird es nun doch von ein paar Regentropfen benetzt. Schöner, schmackhafter kann's wohl kaum sein!
Ja, wie friedlich sie da rupfen, einer/eine neben dem/der Anderen - na, ja, fast friedlich, ab und an schaut der Halm des Nachbarn doch besser aus, scheint der Halm vor des Nachbarn Füße doch besser zu schmecken.
Karlchen allerdings darf sich dazu gesellen, scheint keine Konkurrenz zu sein. Wie auch, zählt er sich doch nicht zu den Vegetariern. Nein, er verschmäht das saftige Grün, ihn gelüstet es nach deftigerem, er bevorzugt lieber knackige, dicke und fette Regenwürmer! Die, die durch den Kleiboden toben, ihn auflockern, für Drainage sorgen, die, die Ringelgänse so gar nicht mögen. Igitt!
Doch was ist jetzt los? Karlchen un sin Fru üben sich im Spektakel, machen Radau für 10, dabei sind's nur 2!  Was soll das Karlchen?! Hast du ein besonderes Prachtexemplar von einem Regenwurm ergattert, willst es nun deiner Holden zeigen oder gar als Brautgeschenk vermachen?!
Mal sehen, ob die jetzigen Essensgäste noch was übrig lassen für morgen, für die, die den ganzen heutigen Tag über hier waren, die sich auch ihr Bäuchlein voll schlugen - wenn auch nur mit einem winzigen Bruchteil dessen, was die momentanen Abendbrotgäste verschlingen. Viele Rotkehlchen befanden heute die Westerwarft als die schönste, die nahrhafteste, schauten, suchten und pickten mal vor dem Haus, mal neben dem Haus, mal in unserem Garten, der momentan noch nicht viel von einem schön blühenden Halliggarten hat. Doch ihnen schien's zu langen, ihnen schien's zu gefallen, viele viele Stunden leisteten sie mir Gesellschaft, erfreuten durch ihre An-wesenheit, durch ihre liebenswerte Art. Da, als es noch trocken war, als noch die Sonne - wenn auch ein wenig verhangen - die Hallig in ein wunderschönes, in ein ganz besonderes Licht tauchte. Und weiter erzählt haben sie es, die Rotkehlchen, weiter erzählt oder besser gesagt weiter gepfiffen, dass es hier so schön ist. Viele andere mehr kamen, verschiedene Mitglieder der großen Drosselfamilie, dazu Wippsteerts, Ernst und Mathilde - ein Amselpärchen offensichtlich auf Domizilsuche -, dann einer der Kleinsten: der Zaunkönig. Da wollte das Winter-hähnchen nicht nachstehen, kam ebenfalls herbei geeilt, labte sich an den vielen im Garten verstreuten Samen, fühlte sich so wohl wie die anderen auch ...
Nur ganz so warm wie im restlichen Deutschland wurde es nicht, das Thermometer verharrte bei 11°C, die kalte Nordsee wollte nicht mehr an Wärme zu lassen. Oder war's der Wind, der seine Einwände gegen einen rundum schönen Frühlingstag erhob, sein Veto einlegte, sein ihm eigenes Recht auf ein kühleres Umfeld geltend machte? Ja, mächtig blies er sich auf, ließ solange nicht locker, bis das Thermometer einwilligte, sich ihm unterordnete - und dann freute er sich ob seines Machterfolges so sehr, dass er grade nochmal so stark pustete! Damit hat er, der Wind, schließlich schon genug Übung, schließlich blies er in den letzten zwei Wochen fast täglich. Nur an ein oder zwei Tagen musste er sich mal verschnaufen, da musste er Luft holen, um am nächsten Tag wieder zu voller Form aufzulaufen, damit er wieder zeigen konnte, zu was er fähig ist, mit was für einem Kerl wir es zu tun haben! Keine Sonne konnte ihn daran hindern, seine Stärke zu zeigen, keine noch so strahlend scheinende Sonne vermochte ihn zu mäßigen. Nein, er möchte die Zeit nutzen, die Gunnar-freie Zeit, da will er sich aus-toben, nochmal so richtig austoben, seine letzten Reserven mobilisieren und verbraten. Schließlich will er - das hat er versprochen - sich dann mäßigen, wenn Gunnar zurück kommt und - natürlich, wenn Gäste kommen, aus der Schweiz, aus Berlin ...! Dann will er, der Herr Sturm, seiner Mitstreiterin und auch Freundin, der strahlenden Sonne den Vortritt lassen, die - fast - alleinige Herrschaft übers Paradies konkurrenzlos übertragen ...