Halligparadies

Sonne, Wind und Meer ... Faszination Halligwelt, Naturpark Wattenmeer ... Wildgänse, Wasser-, Wat- und Zugvögel ... ein Leben zu Grootmoderstieden und heute ... mit dem Austernfischer Karlchen, Nordmeertrollen, Seeteufelchen, Ekkenekkepenn ...

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Ende August 2008
Die Lerchen, die seit April schon sich täglich hoch in den Himmel schraubten, die Halligluft mit jubilierendem, wundervollen Gesang erfüllten und uns immer wieder aufs Neue erfreuten, um nicht zu sagen faszinierten - sie sind nicht mehr. Sie haben ihre von der Natur vorgegebene Aufgabe erfüllt, sie haben ihre Jungen umhegt und versorgt, gegen alle Unbilden des Wetters vorbildlich gut geschützt, sie zu jungen Erwachsenen sowie vollwerti-gen Flug- und Reisepartnern ausgebildet. Und dann, nach getaner Arbeit, dann sangen sie noch etliche Tage aus reiner Freude, um aller Welt ihr Glück zu demonstrieren und uns an ihrem Glück teilhaben zu lassen - bis  schließ-lich der Zeitpunkt des Abschieds gekommen war. Noch einmal stiegen sie gen Himmel, schraubten sich höher und höher, noch einmal erklang ihr Trillern, ihr Jubilieren und - fast unbemerkt flogen sie von dannen. Ein schneller Abschied war's, ein schnelles Davonfliegen, ohne langes Besinnen und bevor die Zeit des Trauerns überhaupt nur kommen konnte.
Ja, die Zeit vergeht! Längst geht die Sonne -von uns aus gesehen- schon wieder im freien Meer unter, noch be-vor sie den Amrumer Landstreifen auch nur annähernd erreichen konnte, ein gutes Stück backbord vom blinken-den Leuchtturm. Jeden Abend ein Stückchen weiter entfernt, jeden Abend ein anderes Schauspiel - und sei's auch manchmal nur ein reines Wolkenschauspiel: mächtige Wolken, die die untergehende Sonne völlig verdek-ken, die den allabendlichen Abschied der Sonne nur vermuten lassen, die ein andermal durch ein fantastisches Farbenspiel brillieren, ein unwirkliches Licht am Himmel verursachen und dann - ganz plötzlich, doch noch einen Blick auf die im Meer
versinkende Sonne freigeben.
 
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                                                             das Amrumer Leuchtfeuer                         
 
Jeden Abend ein bisschen früher, dass wir dieses immer wieder aufs Neue faszinierende Schauspiel beobachten, dabei mit Wehmut feststellen: jeder Tag wird unverkennbar ein wenig kürzer, jede Nacht ein wenig länger - wenn auch nicht schlafensmäßig sondern nur von der Dunkelheit her gesehen.
Schon sind die ersten Duchzügler wieder auf dem Weg, längst schon konnten  wir einige hier sichten. Interes-sant jedoch, dass die Goldregenpfeifer, die sich als Erste unser kleines Paradies als Zwischenstopp aussuch-ten, ihr Balz- und Brutkleid noch nicht so recht ablegen wollten. Unbeirrt tragen sie es noch zur Schau, auch wenn es ein bisschen mitgenommen wirkt, nicht mehr ganz so strahlend aussieht wie im Frühjahr. Ob sie wohl dem entschwindenden Sommer ebenfalls ein wenig nachtrauern, den so schnell vorüber gezogenen Tagen, die sie gar nicht so recht genießen konnten? Den vielen Tagen, an denen sie zunächst mit großem Elan ein Nest bauten, ohne Unterbrechung darauf saßen und die mühsam gelegten Eier ausbrüteten, an denen sie dann vom frühen Morgen bis spät in die Nacht pausenlos mit der Futtersuche für ihren Nachwuchs und sich selbst be-schäftigt waren, mit der Jungenaufzucht und der Unterweisung der langsam flügge werdenden. Und kaum dass sie mal ein zwei Tage von den größten Pflichten entledigt endlich Luft holen konnten, schon mussten sie sich langsam auf den Weg machen, ihrem Nachwuchs die nächste und wahrscheinlich letzte Lektion erteilen, nämlich die Flugtechnik, -route, -koordination und -peilung vermitteln. Doch diese Lektion ist noch nicht zu Ende, so wenig wie die Reise der Goldregenpfeifer hier auf der Hallig ihr Ende findet - nein, eine große Strecke des Weges liegt noch vor ihnen. 
Karlchen vermochte bisher ebenfalls noch nicht alle erforderlichen Lektionen seinem Nachwuchs beizubringen - obwohl er sich gemeinsam mit seinem Karolinchen pausenlos und fast schon aufopferungsvoll um sein einzig ver-bliebenes Junges bemühte. Der Junior (natürlich kann's nur ein Junior sein!) braucht halt ein bisschen länger, bis er alles kapiert, was er so kapieren soll! Noch immer steht und läuft Junior neben einem seiner Elternteile, schaut - fast desinteressiert wirkt's - zu, wie diese im Kleiboden nach Regenwürmern graben. Keine Regung zeigt er, wenn Mamas langer roter Schnabel fast auf voller Länge im Boden steckt, sie damit ruckelt und zuckelt und man Bange wird, dass er abbricht. Aber dann, wenn Mama urplötzlich einen Regenwurm ans Tageslicht gezerrt hat, dann wird er auf der Stelle munter. So schnell kann man gar nicht gucken, wie er sich über den Leckerbissen her-macht ... wie er flugs die paar Schritte zu Papa hupft, um das dortige 'ausgegrabene' Prachtexemplar zu verspeisen. Eigene Such- und Regenwurmausgrabversuche? Fehlanzeige, das mag Junior nicht, seinen Schnabel möchte er sich nicht schmutzig machen - noch nicht. 
Trotz aller Pflichten findet Karlchen immer mal ein paar Minuten Zeit, um sich ein wenig zu amüsieren oder ein wenig Schabernack zu treiben, mal dem Garten einen kleinen Besuch abzustatten oder amüsiert das Treiben auf der Warft zu beobachten. Ganz allmählich nähert er sich auch wieder Idefix an, luurt darauf, auf Idefix's runden, metallenen Rücken, also auf seine Aussichtsplattform zu fliegen, die Toppaussicht über das Halligland zu genie-ßen. Dabei guckt er verstohlen und doch sehr gespannt, was dann geschieht, ob dann wieder eine zusammen-gefaltete, leicht flatternde Flagge über den Rücken hinweg in die Fondtüren geklemmt wird.
Hm ... eigentlich kann er sich das nicht vorstellen, eigentlich kann er, Karlchen, nicht glauben, dass die Flagge nochmals in Aktion tritt, nicht nach dem, was er so beobachtet, was er mitbekommen hat. Nein, Schadenfreude ist es nicht, was ihn überkommt, wenn er an das letzte Dilemma denkt, obwohl ... lustig anzuschauen war's halt schon. Da, als das Wasser aus Idefix geschöpft wurde, besser gesagt, geschöpft werden musste. Mindestens 15 cm hoch stand es zu Füßen der Fondsitze, klares, blankes Wasser! Und wie schnell dann die gefaltete Flagge entfernt wurde ... so, als sei sie Schuld an der Überschwemmung im Wagen. Dabei konnte sie selbst am Aller-wenigsten dafür, waren's doch vielmehr die Abdichtgummi der Türrahmen, die 'DANK' des eingeklemmten 'Karl-chen-Vertreibungs-Bandes' den heftigen Regenschauern minimale Wassereintrittsspalten öffneten. Tja, steter Tropfen höhlt den Stein ... oder, frei übersetzt: steter Regen füllt mit der Zeit ein ganzes Auto ... 
Einige Tage sind vergangen und siehe da, langsam beginnt Karlchen jun. die Lektionen zu verinnerlichen, lang-sam beginnt er, die Fähigkeiten seines Schnabels zu ergründen und richtig einzusetzen, mal selbst im Dank der ergiebigen Regenschauern leicht durchbohrbaren Warftgrund nach Regenwürmern zu suchen - und siehe da, es gelingt ihm! Erst nur ab und an mal, noch abhängig von der Zufütterung durch Mama und Papa, doch bald immer häufiger und immer besser, damit auch der Mama ein wenig Freiraum fürs Durchatmen und für Erholung gebend. Karlchen jun. wird erwachsen, wird bald selbstständig sein und sich den Schosterjungs zuwenden. Bis dahin allerdings genießt er es, noch immer der 'Kleine' seiner Eltern zu sein, noch immer mit 'nem besonderen Lecker-bissen verwöhnt zu werden und sich beschützt zu fühlen, besonderen Aufgaben und Verantwortungen enthoben zu sein. Wie lang noch? Das werden wir beobachten!
Nicht nur die ersten Goldregenpfeifer künden uns den langsam zu Ende gehenden Sommer an, nein, auch die Brandgänse geben gleiches Signal. Die Brandgänse, die seit einigen Wochen schon nicht mehr zu sehen waren, die ihre Jungen - kaum dass sie geschlüpft und die Nester verlassen hatten - in der Obhut von Tanten und Cou-sinen ließen und sich an einen ruhigen, völlig ungestörten Platz im Wattenmeer zurück zogen, dort den 'Kleider-wechsel' vorbereiteten, sich des Sommerkleides entledigten und nun stolz mit neuem Herbst-Winter-Outfit in heimischen Gefilden zurück meldeten. Ja, die Brandgänse - Männlein wie Weiblein - bereichern jetzt urplötzlich wieder die Halligwelt mit ihrem wunderschönen, ihrem bizarr-bunt und doch so harmonisch gemusterten Feder-kleid, sie zeigen sich frisch erholt, präsentieren sich frisch geputzt und gleichzeitig fragend Ausschau haltend. Sie halten Ausschau nach ihren inzwischen sicher schon fast flügge gewordenen Jungen, nach denen, die sie vor einigen Wochen sozusagen Ammen überließen. Natürlich fragen sie sich, was aus ihnen geworden ist, wie-viele aus der zahlenmäßig reichen Brut den harten Überlebenskampf meistern, sich der Nachstellung durch die Möwen erfolgreich entziehen konnten. 
Kiek an, da sind noch welche, die ihr Sommerkleid ablegen, die derzeit den mühsamen und teils auch lustig an-zuschauenden Weg zum neuen Winterkleid noch nicht so ganz geschafft haben - die Mohrenköpfchen! Natürlich sind's die Lachmöwen, die bald ihr schokoladenbraunes Mohrenköpfchen nicht mehr haben werden, die im Win-ter mit reinweißen Köpfchen über die Hallig fliegen, so als hätten sie im Sommer nie anders ausgesehen. Doch jetzt, oh weh, die Armen, jetzt geben sie gar kein so schönes, so bezauberndes Bild ab, jetzt hätten sie echt Probleme, einen Partner durch attraktives Aussehen zu bezircen. Das dunkle Köpfchen sieht ganz scheckig aus, nicht schokoladenbraun und auch noch nicht weiß - doch wir wollen nicht über sie lachen. Denn sie leiden unter ihrem Aussehen, versuchen sich zu verstecken, möchten am liebsten von einem Tag auf den anderen verwan-delt sein, wie Phönix aus der Asche steigen. Das allerdings hat die Natur nicht vorgesehen, ein paar Stolperstei-ne hat da Mutter Natur eingebaut, ein paar Prüfungen vielleicht? Wer weiß das schon. Doch eines ist gewiss, nicht mehr lange wird es dauern, dann fliegen die Lachmöwen über das Halligland, lassen ihren typisch lachen-den Ruf erschallen und machen sich keinen 'Kopf' darüber, ob eben dieser mal schokoladenbraun oder schon immer strahlendweiß war.
Jeder Tag bringt neue Überraschungen, bringt neue Erlebnisse mit sich, jeder Tag zeigt ein neues Gesicht. Heute sind's kleine Singvögelchen wie die Strandpieper, die auf ihrem Zug gen Süden einen Zwischenstopp auf unserer Hallig einlegen, uns auf der Warft besuchen, sich unmittelbar vor dem Wohnzimmerfenster tummeln. Auch sie haben anscheinend das Balz- und Brutkleid noch nicht so ganz abgelegt, zeichnen sich noch immer durch den intensiv-hellen Streifen am Kopf aus. Danke, ihr lieben kleinen Vögelchen, wir wissen das sehr zu schätzen, ist das Erkennen und die Bestimmung dadurch doch sehr viel einfacher. Und natürlich: Willkommen in unserem kleinen Paradies, willkommen auf unserer Warft!
Morgen schon werden's wieder andere sein, denen wir unseren Willkommensgruß entbieten, so, wie wir auch be-reits im Watt zig Tausende von Knutts Willkommen geheißen haben! Riesige Knutt-Schwärme sind's, die den Himmel verdunkeln, einen wogenden Lufttanz aufführen, nach abrupter Wendung dann wieder den Himmel regel-recht versilbern, sich schnell dem Auge entziehen, wenn sie sich auf dem Wattgrund oder der Muschelbank nie-derlassen, um dann urplötzlich, wie von Geisterhand und geheimen Kommando geführt, erneut zum wogenden Tanz zu starten. Kaum ein anderer Vogel wie der Knutt vermag in solch beeindruckender Gemeinschaft ein der-artig faszinierendes Schauspiel, einen derartigen Freudentanz am Himmel in solch perfekter Abstimmung aufzu-führen, keine sonstigen, solch riesengroße Schwärme können derart verzaubern und dem zu Ende gehenden Sommer so schöne Aspekte abgewinnen.
Jetzt kommt sie wieder, die besondere Zeit! Und eines zeigt sie uns auch auf: jede Zeit des Jahres, jeder Tag hält wunderschöne Dinge parat, Mutter Natur hat unendlich viel zu bieten, Mutter Natur kann das Leben unend-lich bereichern, gerade auch die kleinen Dinge können es sein, die so beglücken!