Karlchen ist baff erstaunt. Das hätte er nicht gedacht - nie! Womit hat er das nur verdient? Wo er doch meinte, ein ganz allein ihm gehöriges Plätzchen gefunden zu haben. Soll er nun klein beigeben, soll er um sein Aussichtsplätzchen kämpfen? Hm, darüber muss er mit seinem Karolinchen beratschlagen. Doch dafür braucht er ein stilles Fleckchen, eines, das ihm nicht gleich wieder streitig gemacht wird, eines, zu dem er sich zurückziehen kann, wo er in aller Ruhe und vor allem ungestört nachdenken kann. (In Kürze geht's weiter ... wenn Karlchen ein ruhiges Plätzchen gefunden hat ...)
Längst hat Karlchen ein stilles Plätzchen gefunden, längst hatte er die Möglichkeit zum Nachdenken, längst gab's auch da schon wieder einen Kontrahenten, einen, der in sein stilles Plätzchen eindrang, es mit Beschlag belegte, ihm das Nachdenken erschwerte. Doch Karlchen wäre nicht Karlchen, wenn er nicht um sein Vorrecht kämpfen würde - mit rein legalen Mitteln selbstverständlich. Und, was soll ich sagen, der Eindringling, wie Karlchen ihn bezeichnete, verabschiedete sich bald wieder aus dem 'stillen' Bereich, zog bald wieder seines Weges - allerdings nicht im Zorn oder dass er vertrieben worden wäre, nein, er verabschiedete sich bestens versorgt und gestärkt, wohlgenährt, guter Dinge und mit allerbesten Erinnerungen.
Nun aber der Reihe nach:
Karlchen hat den Garten entdeckt, unseren Garten in der Warft, hat ihn für sich ganz allein zum Nachdenken aber auch als 'Spektakelwiese' reklamiert. Das ist schon etwas ganz Außergewöhnliches, denn die Wasser- und Watvögel lieben nicht so sehr den engen Raum mit Menschen, sie lieben eine gewisse Distanz - sei's um ihre Ruhe zu haben, sei's aus Respekt vor den Menschen oder sei's aus rein natürlicher Scheu und Vorsicht. So auch der Austernfischer. Insofern sagen die Halligbewohner "Der ist krank" wenn ein Austernfischer auf die oder gar in die Warft kommt. Dass es ein solch vertrautes Verhalten, solch eine innige Nähe von einem Austernfischer zu einem Menschen gibt, das wird nicht in Betracht gezogen, das hat's bisher auch noch nicht so gegeben ...
Doch unser Karlchen ist nicht krank! Nein, er ist putzmunter und eben etwas ganz Besonderes. Er unterscheidet sich ein wenig von seinen Artgenossen, hat im Laufe der letzten Jahre, im Laufe unseres Zusammenlebens immer mehr Vertrauen zu uns gewonnen, den Distanzraum immer weiter verkleinert - und gleichzeitig immer mehr Achtung gewonnen, den Respekt nicht nur vor uns gezeigt sondern umgekehrt auch eingefordert und selbstverständlich bekommen. So war's nur eine Frage der Zeit, dass er sein Brutrevier von der Fenne ein paar Meter dichter an uns heran, direkt an den Warftrand verlegte, dahin, wo im Laufe des Sommers ein wenig Schutz gebendes Schilf wächst, da, wo sich seine Jungen direkt vor unseren Augen 'aus dem Ei schälen' konnten. Und dass Karlchen gemeinsam mit seinem Karolinchen uns die Jungen vorstellte, das wurde schon zum Ritual, ebenso, dass sie vor unseren Augen - quasi unter unserer Aufsicht - aufgezogen und erzogen werden. Wen verwundert es da, dass Karlchen vielleicht schon längst darauf luurte, unser ganz persönliches Umfeld kennen zu lernen, es zu inspizieren, dass er immer wieder mal darüber nachdachte, nicht nur die Warftwiese, den Außenhang der Warft, in sein Revier einzubeziehen sondern auch die von den vier Häusern umgebene Warftmitte, um damit unseren Garten zu erkunden, uns ganz nahe zu kommen.
Einen solchen Versuch gab's in den letzten beiden Jahren ganz sporadisch schon mal, bevorzugt im Herbst machte Karlchen schon mal eine kurze Stippvisite in unserem Garten. Doch ganz geheuer war's ihm wohl noch nicht, zu groß waren noch seine Ängste, seine natürliche Scheu hielt ihn trotz der gewachsenen Vertrautheit zu und mit uns davon ab, sich hier länger aufzuhalten. Jetzt allerdings, da er ein ruhiges Plätzchen zum Nach-denken suchte, eines, das ihm nicht gleich wieder von Fru Rödbeen oder anderen Artgenossen streitig gemacht wird, da nahm Karlchen seinen ganzen Mut zusammen, flog ganz einfach in unseren Garten, zog sich regelrecht dahin zurück. Keiner störte ihn hier!
Ob Karlchen meinte, seine - zunächst - nächtlichen Besuche blieben unbemerkt, blieben unbeobachtet? Ich weiß es nicht, eine Antwort fällt mir schwer - außerdem könnten's eh' nur Vermutungen sein. Trotzdem, auch wenn Karlchen sich unbeobachtet wähnte, so tippelte er mit seinen kräftigen roten Beinchen nur auf den Gar-tenwegen, den Waschbetonplatten, auf dem Terrasenbereich und auf dem Gras, inspizierte mit seinen großen runden, knallroten Knopfaugen nur dort den Boden, pickte mit seinem langen roten Schnabel nur dort nach den leckeren Regenwürmern, zog nur dort seine sich - letztlich umsonst - vehement wehrende und zappelnde Leib- und Magenspeise aus dem Boden. Das Gartenland als solches blieb tabu, den bearbeiteten, mit Nutzpflanzen und Blumen bewachsenen Grund sparte Karlchen bei seinen Besuchen aus - so als ob er ganz genau wüßte, beim Durchwühlen dieses Bereiches in Ungnade zu fallen. Nein, das will er auf keinen Fall, er will weiterhin geachtet und geliebt werden, ohne jegliche Einschränkung, nichts soll und darf dieses Vehältnis stören! Also hält sich Karlchen an allgemeingültige Regeln, die ihm keiner gesagt, die er aber rein intuitiv erkannt hat.
Waren's anfänglich noch rein nächtliche Besuche, so fand Karlchen schnell seine Lieblingszeit, die Zeit kurz vor Sonnenaufgang: wenn das Dunkel der Nacht sich langsam verflüchtigt, einem diffusen Licht weicht, es nicht mehr dunkel aber auch noch nicht richtig hell ist, der Horizont sich ganz langsam verfärbt, der Himmel eine leicht rosa- bis pinkfarbene Tönung annimmt, über dem Wasser wiederum ein ganz besonderes Blau liegt, plötzlich zentimeterweise größer werdend eine zunächst tiefrote, mit der Zeit immer heller und gleißender werdende Sonne gleich einem großen, runden Ball dem Meer entsteigt. In Harmonie dazu liegt über allem eine Stille, die doch wiederum keine Stille ist: ein Konzert erfüllt die Luft, wie es kaum schöner ein Orchester spielen könnte, auf dem Wasser üben sich Piepenten, Möwen, Seeschwalben und viele mehr im Pfeifen und im Gesang, in der Luft flöten die Großen Brachvögel, hier ist ein Rödbeen, da ein Mitglied aus dem großen Clan der Austernfischer zu hören, viele weitere mehr stimmen sich ein, lassen auch Kleine wie die Strandläufer und Steinwälzer zu Wort kommen, binden sie in das große Konzert ein.
Ja, in dieser Zeit zog und zieht's Karlchen in unseren Garten. Längst weiß er, dass ich ihn meist beobachte, dass ich mal hinter der Eingangstür, mal hinterm Fenster stehe, zunächst noch etwas ungläubig guckend doch mit der Zeit auch machmal leicht tadelnd - oder ist mißbilligend die bessere Bezeichnung? - den Kopf schüttle. Denn den anfänglich alleinigen Besuchen von Karlchen, in denen er sich viel Zeit zum Nachdenken über seine Probleme, zum utspekulieren und utbaldovern von Lösungsstrategien nimmt, folgten einige frühmorgendliche 'Konzerte der besonderen Art' von seiner Familie. Dass Karlchen sein Frauchen und Junges mit der Zeit ebenfalls mitbringt, ihnen unseren Garten in allen Einzelheiten zeigt - allerdings nicht ohne auch hier auf die Einhaltung der imaginären Regeln bezüglich des Nutzpflanzengartenlandbetretungsverbotes zu pochen - muss eigentlich schon als folgerichtig bezeichnet werden, dass die Drei jedoch zu eigentlich nachtschlafener Zeit ein Spektakel veranstalten, das auch den letzten 'Tiefschläfer' noch aus seinen Wolkenkuckucksheimträumen holt, das ist dann doch ein wenig gewöhnungsbedürftig, um es mal ganz milde auszudrücken. Das aber stört Karlchen und seine Familie nicht sonderlich: sie fühlen sich wohl hier, sie fühlen sich Zuhause, hier hat Karlchen seinen inneren Frieden wieder gefunden, da lassen sie sich nicht von mißbilligenden Blicken beeindrucken.
Und wir? Wir nehmen's gelassen ... kümmern uns noch um einen weiteren Gast, einen, der unvermittelt auf-taucht, sich unsere Warft und speziell unseren Garten als sein Domizil aussucht. Eine Brieftaube ist's, ein Derby-Flieger, ein sehr schmuckes Tier mit ganz besonders schöner Zeichnung, vermutlich auf dem Weg nach England durch einen in den letzten Tagen 'wütenden' Sturm vom Weg abgetrieben. Erschöpft ist das Tier, ausgehungert - und völlig zutraulich. Bettelnd schaut es uns an, kommt auf die Terrasse, wenn wir dort sitzen, versucht zwischendrin, ein paar Grassamenkörner aufzupicken - nur die können den Hunger nicht stillen. Also mal schauen, was unser Vorratsschrank so her gibt. Ob wir's mal mit Müsli, mit Haferflocken versuchen? Gesagt, getan. - Doch die Haferflocken mag unser verhuckertes Täubchen nicht so recht, sie pickt mehr suchend als Nahrung aufnehmend in ihnen herum, verspritzt eigentlich nur die Flocken, in hohem Bogen fliegen sie aus dem Futterschälchen. Also, auf ein Neues, versuchen wir's mal mit Dinkelkörnern, feinste Demeterqualität.

Volltreffer, die Dinkelkörner mag unser Täubchen, da darf's gleich nochmal ein Nachschlag sein, noch eine Handvoll Körner ... dazu natürlich ein Pozellan-Schälchen mit frischem Wasser. Ja, so ist's gut, jetzt lässt sich das Täubchen gesättigt in der Sonne nieder, ruht sich aus, sammelt neue Kräfte, besinnt sich. Bis der Hunger es wieder übermannt. Schon kommt es unmittelbar vor die Haustür, auf das Podest, schaut herein, stolziert unentwegt auf dem Podest hin und her, schaut immer wieder herein - bis wir seinen bettelnden Blick erkennen, die Aufforderung zur Fütterung wahrnehmen. Und dann, wenn unser Täubchen rundum gesättigt und zufrieden-gestellt ist, wenn es die Müdigkeit übermannt - sei's bedingt durch den mittäglichen Leistungsknick, sei's am Abend - dann fliegt es ganz einfach auf den im Haustürrahmen geschützt hängenden Briefkasten, lässt sich flugs darauf nieder, steckt sein Köpfchen in den Flügel, gibt sich ganz einfach - und natürlich auch voller Vertrauen - seinem Schlafbedürfnis hin. Was soll ihm hier denn passieren?! Das Täubchen weiß sehr wohl, dass es auf unseren Schutz hoffen und bauen kann, es weiß auch, dass Karlchen es in Ruhe lässt, dass keine Möwen in den Gartenbereich kommen und selbst ein anderer "Exot", der sich plötzlich abends blicken ließ, sich in der Reetdach-Gaube des gegenüberliegenden Hauses für die Nacht 'häuslich' einrichtete, ihm nichts anhaben wird - jedenfalls nicht solange es im Schutz unseres Hauseingangsbereiches bleibt. Ja, wo dieser "Exot" herkam, ob auch er von stürmischen Winden hierher verweht wurde, wer weiß das zu sagen. Nur eines bleibt auf jeden Fall zu sagen: ein Turmfalke auf 'ner Halligwarft, das ist schon was Außergewöhnliches, einen Turmfalken, der im Reetdach der Gaube sein Nachtquartier bezieht, das habe ich noch nicht gesehen, das verdient absolut festgehalten zu werden. Und weil das so etwas besonderes ist, blieb dieser "exotische" Gast auch nur eine Nacht, schon am nächsten Morgen zog er früh seines Weges, ließ sich nicht wieder blicken.
Ein paar Tage geht das mit unserem Täubchen so, mal sucht es uns vor der Haustür auf sich aufmerksam zu machen, mal gelingt es ihm auf der Terrasse, wenn wir unterm Sonnenschirm das schöne Sommerwetter ge-nießen, uns vom Wattspaziergang erholen. Doch langsam neigen sich unsere Vorräte dem Ende entgegen.
Am Mittwochabend versuchen wir's mal wieder mit den Haferflocken - das Täubchen kann seine Ablehnung nicht verbergen. Also gibt's dann doch noch die letzten Dinkelkörner, beste Demeterqualität. Eigentlich sollte es die Körner erst am nächsten Morgen geben, bevor wir mit der Fähre ans Festland fahren, die Vorräte auffrischen. Sei's drum, hungrig können wir das Geschöpf nicht schlafen lassen, dann muss es eben am kommenden Morgen mit Haferflocken vorlieb nehmen - bis wir abends mit neuen Körnern im Gepäck vom Festland zurück sind. Nur, am frühen Morgen sehen wir das Täubchen nicht, auch am Abend nach unserer Rückkehr nicht und auch nicht an den kommenden Tagen. Ganz offensichtlich reichte unser vorhandener Dinkelkörnervorrat, um es wieder zu Kräften kommen zu lassen, um ihm die Chance zu geben, seinen weiteren (Heim-)Flugweg in Angriff zu nehmen, diesen zu überstehen. Welch ein Glück, dass es am letzten Abend noch die letzten Körner bekam, dass wir zusammen mit leckeren Dinkelkörnern in seiner Erinnerung bleiben, der Gedanke an uns nicht mit ungeliebten und verschmähten Haferflocken verschmilzt. Flieg, kleines Täubchen, mach's gut und hab' es gut auf deinen Wegen!
Karlchen wiederum tat völlig unbeteiligt, ignorierte den neuen Futtergast. Na ja, schließlich ist's keine Kon-kurrenz für ihn, schließlich gehört er nicht zu den Alternativen, zu den Körnerfressern, er sieht sich nicht als Vegetarier durchs Leben schreiten, er mag's lieber herzhaft, gerne können's ein paar dicke, fette Regenwürmer sein. Außerdem macht ihm das Täubchen seinen Platz auf Idefix's Rücken nicht streitig, diesen Aussichtsplatz, den er sich gerade wieder von Fru Rödbeen zurück erobert hat. Nicht mit List, nein, sondern dank einer ausge-bufften Idee, dank einer bravourösen Leistung! Und mit dieser Leistung hat er Fru Rödbeen derart beeindruckt, dass diese erst gar nicht in Erwägung zieht, so schnell noch mal den runden Rücken von Idefix anzufliegen, nur um von dort die Aussicht zu genießen. Nein, sie ist so beeindruckt von Karlchens Künsten, dass sie ihm freiwilllig Idefix für seine akrobatischen Übungen überlässt. So schnell wird sie ihm diesen Platz nicht wieder streitig machen, noch immer kann sie's nicht fassen, noch immer staunt Fru Rödbeen, hat noch immer dieses einmalige, einer Sensation gleichkommende Schauspiel vor Augen. Da, als Karlchen sich mit lautem Spektakel auf das von mir rückwärts die Warft heruntergefahrene Auto setzte - während der Fahrt selbstverständlich - und selbst beim Stopp am Wendepunkt die Balance behielt, sich die Vorwärtsfahrt das restliche Stück die Warft herab weiterhin mit Akrobatik vom Feinsten auf dem rutschigen Autodach hielt, erst ganz zum Schluß ins Rutschen kam, sich nicht mehr halten konnte, in die Lüfte abheben musste ... dem Beifall nicht nur von Karolinchen und Sohnemann sicher war ...
Mit dieser Glanzleistung bestätigte Karlchen seine Einmaligkeit, dieses Meisterstück machte ihn mutig, ließ ihn Oberhand gewinnen - und auch zu neuen Taten auflaufen. Ab sofort wollte er Karolinchen und sein Junges im Idefix-Buckel-Lauf unterweisen, ihnen den Anflug auf Idefix's Rücken und die Landung auf selbigem beibringen. Gesagt, getan. Ruckzuck ging's, dann saßen alle drei auf Idefix, genossen die weite Rundumsicht und vergnügten sich - solange, bis Idefix sich vehement wehrte. Er mochte nicht ständig den scharfen Krallen ausgesetzt sein, nicht täglich unter die Schrubb-Bürste kommen, nur weil die vielen großen weißen Kleckse, die die drei hinterließen, entfernt werden mussten.
Seither schmollt Karlchen ein wenig! Anstelle ihn wegen seiner großen akrobatischen Leistung zu bewundern verwehrt man ihm seinen Tummelplatz, hat ein flatterndes Tuch darauf gebunden - nur damit er durch das Geflatter abgehalten wird. Noch - doch wie lange? Das ist die Frage, daran arbeitet Karlchen, lange wird's sicher nicht dauern, bis er seine Abneigung gegen das Geflatter überwunden hat, seine Aussichtsplattform wieder anfliegt! Bis dahin hockt er erstmal auf den Heuballen, die seit einigen Tagen den Hochsommer auch optisch anzeigen, ist mal wieder am utbaldowern ...