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| 25. Mai 2008 Strahlend blauer Himmel und Sonnenschein, angenehm warm und leichter Wind aus Ost: so präsentiert sich der heutige Tag, im wahrsten Sinne des Wortes also sonntäglich. Ein Tag wie jeder andere? Zunächst schon. Schließlich wird unser kleines Paradies seit Wochen schon vom Wettergott bevorzugt behandelt. Seit Wochen kennen wir nur blauen Himmel und Sonnenschein, erstaunlich sanften Ostwind. Kein Tröpfchen Regen benetzte den zwischenzeitlich ausgetrockneten, zur Betonhärte mutierten Kleiboden, kein noch so minimaler Niederschlag machte das Gras der Fennen frischer und saftiger. Und doch reichte es noch immer für die vielen Durchzügler, die zigtausend Ringelgänse, noch immer tankten die Pflanzen aus tieferen Schichten das für den Wuchs erforder-liche Nass nach, noch immer fühlten sie alle sich wohl hier, futterten ohne Ende Grünzeug in sich hinein - mal auf den Fennen, mal im Watt. Stets solange, bis ihre Füße sie nicht mehr tragen konnten, bis genügend Reserven für den Weiterflug aufgebaut, genügend Fett für die letzte Etappe zum Brutgebiet angesetzt war. Ja, und dann, wenn alle Kriterien erfüllt, die (Wetter-)Prognosen günstig waren, dann nahmen sie frohgemut mit erwartungs-vollem Blick auf die Zukunft Abschied. Nahmen Abschied von der Hallig, von ihrem für etliche Wochen fast zur zweiten Heimat gewordenen Futterplatz, einem unberührten und sie immer wieder auf das herzlichste "Willkommen" heißende Eiland mitten in der Nordsee. Ob sie gerne noch ein wenig geblieben wären? Ob sie vielleicht gar gerne ganz hier geblieben wären? Wer vermag diese Antwort zu geben? Ein übermächtiger Drang ist's, der solche Überlegungen gar nicht aufkommen, nicht zu lässt, ein übermächtiger Drang ermächtigt sich vielmehr ihrer, ins Brutgebiet durchzustarten, sich mit der Nachwuchs-frage auseinander zu setzten, das bereits hier begonnene Werben und Umworbenwerden fortzusetzen und den von der Natur aufgegebenen Pflichten nachzukommen. Nicht mehr viele Ringelgänse begrüßten mit ihrem sie so treffsicher identifizierbaren "krk-krk-krk-krk" den heutigen Sonntag auf der Hallig, nicht mehr viele bevölkerten am frühen Morgen das Watt, kamen schließlich auf die Fennen geflogen, um ihre obligatorische "Grasmahlzeit" einzunehmen, anschließend ihre Morgentoilette durch ein Bad im Priel abzuschließen - und doch waren es noch etliche Hundert, die verstreut über die ganze Hallig so ihrem geregelten Tagesablauf auf der Hallig nachgingen. Ein seit Wochen, ja, seit Monaten gewohn-tes Bild, das uns trotzdem Tag für Tag wieder erfreut, das Ruhe ausstrahlt und ruhig werden lässt. So ruhig, wie die Gänse in der langen Zeit hier geworden sind. In ihrem Verhalten ist nichts mehr von der Fremde, der Angst, dem Respekt zu spüren, das schnelle Reißausnehmen gibt es nicht mehr. Auf bekanntem Territorium werden wir ge-duldet, fast schon freudig begrüßt, unser Kommen löst kein Weglaufen oder Auffliegen aus - nicht mehr. Über die lange Zeit hinweg sind wir Freunde geworden! Und wie Freunde werden wir heute verab-schiedet. Nein, natürlich nicht wir werden verabschiedet sondern die noch hier anwesenden Ringelgänse verabschieden sich heute von uns - die meisten jedenfalls. Völlig unerwartet und quasi aus heiterem Himmel geht's los: überall auf der Hallig, wo das Auge auch hinschaut, da erheben sie sich wie auf ein magisches Zeichen hin gleichzeitig und in gewohnter Manier, nämlich in ungeordnetem "Haufen" in die Luft. Doch etwas ist anders, ganz anders, der Aufstieg wird begleitet von einem einerseits aufgeregten und doch wiederum sehr zufrieden-gelassenem, in dieser Weise nicht gekanntem Geschnatter. Lautes "krk-rk-krk-krk" erfüllt die Luft, übertönt alle anderen Geräusche, alle anderen Stimmen und Gesänge - und derer gibt's wahrlich nicht wenige - selbst das Spektakel von Karlchen und Co. geht einfach unter. Die Ringelgänse kreisen über der Hallig, in mehreren Gruppen drehen sie laut schnatternd ihre Runde, steigen ein wenig höher, sinken dann nochmal, schauen suchend - so als ob sie was vergessen hätten, als ob sie noch Gefährten suchten, zum Mitfliegen auffordern oder ganz einfach sich nur von uns verabschieden wollten. Und plötzlich gibt's auch bei ihnen annähernd so etwas wie einen von den Graugänsen allgemein bekannten V-Flug. Das relativ geordnete Flugbild verrät unmißverständlich die Absicht, das laute Geschnatter verkündet gleichermaßen unmißver-ständlich: "Tschüs! Wir fliegen los!" - Wir begleiten die neuerliche und gleichzeitig letzte Runde über der Hallig mit den Augen, sperren die Ohren weit auf, um jede Botschaft aufzu-nehmen, wünschen ihnen allen, die uns jetzt verlassen, einen guten Flug, viel Glück, einen guten Sommer, beste Bedingungen für ihre künftige Aufgabe im Sommerquartier, also ein ungestörtes und von Feinden unbehelligtes Brüten samt Aufzucht ihres Nachwuchses. "Tschüs ihr wohlgenährten Gänse, mögen die Engel euch beschützen! Tschüs bis zum Herbst! Guten Flug und Auwiedersehen!" Ruhe kehrt ein - nichts ist mehr, wie's vorher war ... Mitte Mai 2008 Fett sind sie geworden, regelrecht und im wahrsten Sinne des Wortes fett! Kaum watscheln können sie noch, die Ringelgänse, der Gang wird von Tag zu Tag schwerer, watscheliger, bei einigen hängt der Bauch schon fast bis auf den Boden. Und wenn sie auffliegen wollen, sich in die Lüfte erheben, dann brauchen sie schon einige Schritte Anlauf, damit's klappt. Trotzdem fressen sie unentwegt weiter, auf den Fennen, auf den Warfthängen, bis direkt ans Haus kommen sie und halten das Gras kurz. Zwischendrin lassen sie sich immer wieder nieder - ob ihre Füße sie nicht mehr tragen können?! Sieht schon sehr putzig aus, wie sie da auf dem Bauch hocken, mal geruhsam um sich herum schauen, dann wieder - sitzend - rund um sich herum das frisch sprießende Gras ab-zupfen. Und irgendwann dann, dann werden sie unruhig, erheben sie sich alle mitein-ander, versuchen aufzufliegen, starten in die Luft wie ein total überladenes Transportflugzeug. Von ihrer sonstigen Eleganz und Anmut ist nicht mehr viel zu sehen, zumindest beim Startversuch nicht. Doch wenn sie es erstmal geschafft haben, wenn sie sich in die Lüfte erhoben haben, dann gibt's kein Halten mehr, dann wird durchgestartet, die Flugreise gen Norden in Angriff genommen. Da wo es noch sehr kalt ist, noch Schnee und Eis liegt, da wollen sie hin, mit ihren Daunen ein Nest auspolstern, Eier hinein legen, ihren Nachwuchs ausbrüten ...  Von den vielen, vielen tausend Ringelgänsen haben sich ein Großteil schon auf den Weg gemacht, auf den sehr beschwerlichen, sehr viel Energie kostenden Weg ins Brutgebiet. Die Fennen unserer Hallig werden leerer und immer leerer - obwohl, das stimmt natürlich nicht, die "abreisenden" Gänse finden gleich Ersatz, das Pensionsvieh macht sich breit, nimmt "sein" Revier wieder in Anspruch. Und auch im Wattenmeer macht sich der Abflug der Gänse bemerkbar, bei Niedrigwasser erfüllt längst kein derart lautes, überall hörbares und damit unüberhörbares "krk-krk-krk-krk" mehr das Wattenmeer, jeden Tag wird's ein bißchen ruhiger. Doch dafür kommen die anderen Stimmen wieder mehr zur Geltung, zeichnen sich stärker in der Stille der Natur ab: die Stimmen von Karlchen (dem Austernfischer) und Rödbeen (dem Rotschenkel), vom Großen Brachvogel, einigen Piepenten, den Seeschwalben, Möwen und vielen anderen mehr. Bewundernswert vor allen Dingen unser Rödbeen, von morgens bis abends flötet es seine Lust und seine Sorgen in die Halligluft, eine beein-druckende Ausdauer und fantastische Stimmbänder zeichnet es aus, jeder Mensch wäre längst heiser, bekäme keinen Ton mehr heraus. Ganz anders unser Rödbeen, jeden Morgen aufs Neue begrüßt es lautstark "düdelüd-düdelüd" den Tag, jeder sonnenreiche Tag wird mit Gesang begleitet, jeder Sonnenuntergang gesanglich untermalt, jeder Abend singend zur Nacht übergeleitet. Wann ruht es sich nur mal aus, wann futtert es und kommt wieder zu neuen Kräften? Ich weiß es nicht, ich höre nur pausenlos "düdelüd-düdelüd" und nochmal "düdelüd-düdelüd". Selbst Karlchen un sin Fru kommen da ins Hintertreffen, beugen sich mitunter der Stimmgewalt von Rödbeen. Allerdings des nachts, da haben sie die Zeit und die Stille für sich entdeckt, da laufen sie dann zur Höchstform auf, üben sich im Spektakel machen, messen ihre Stimmgewalt mit der vom Nachbarpaar - und das alles bevorzugt in unmittelbarer Nähe zum Schlafzimmerfenster. Ob sie meinen, uns mit ihrem nächtlichen Gesang erfreuen zu können? Sicherlich, ganz sicher! Auch wenn ein ungestörter Schlaf sehr wohltuend ist, doch wie schön ist es wiederum, von solchen Stimmgewalten anstelle von Autogeräuschen, startenden Düsenmaschinen oder ähnlichem geweckt zu werden. Also beklagen wir uns nicht! | |
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