Halligparadies

Sonne, Wind und Meer ... Faszination Halligwelt, Naturpark Wattenmeer ... Wildgänse, Wasser-, Wat- und Zugvögel ... ein Leben zu Grootmoderstieden und heute ... mit dem Austernfischer Karlchen, Nordmeertrollen, Seeteufelchen, Ekkenekkepenn ...

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Oktober 2008-
Ein erlebnisreicher, ein aufregender Monat, dieser Oktober. Dazu viele "Besucher" auf der Hallig: Durchzügler und ganz besondere "Gäste", die das Leben so interessant machen, jeden einzelnen Tag verschönen, die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes wie im Fluge vergehen lassen. Rund ums Haus herum, natürlich auch im vom Wind zerzausten Halliggarten, fliegen und picken sie, Singvögel aller Art, rundum auf der Warft und auf den Fennen suchen und finden sie Stärkung, ruhen sich vom langen Flug aus dem arktischen, skandinavischen oder Tundra-Brutgebiet aus. Am Sommerdeich, im Watt und in der Luft ist Hochbetrieb, immer mehr Wat-, Wasser- und sonstige Zugvögel sehen unser kleines Hallig-Paradies als das Paradies für eine Erholungspause, als ein Ort zum schöpfen neuer Kräfte und als eine unerschöpfliche Futterquelle mit reichhaltigem wie ab-wechslungsreichem Nahrungsangebot an. In trautem Miteinander, völlig frei von Konkurrenzkämpfen und Ran-geleien um die besten Futterplätze werden genußvoll und in aller Ruhe verbrauchte Energien aufgefüllt, an wunderschönen Herbsttagen neue Kräfte für den Weiterflug in die weiter südlich, süd-östlich oder süd-west-lich gelegenen Überwinterungs-gebiete gesammelt, die erstmals auf dem Zug befindlichen Jungvögel einge-wiesen, mit den notwendigen, fürs Überleben so wichtigen Regeln wie auch der Navigationkunst vertraut gemacht.
Warum sollten sie sich denn auch gegenseitig das Futter nicht gönnen? Schließlich ist doch der Tisch mehr als reichhaltig gedeckt, für jeden Geschmack gibt's was, für jede Vorliebe hält die Natur was parat, sei's auf den Fennen, im Watt, im Garten oder in den Prielen. Hier was für Vegetarier - Samen, Körner, Grünzeug. Dort was für die Bevorzuger eiweißhaltiger Kost, mal aus dem Meeresbereich, mal aus oder über dem so nahrhaf-ten Mutterboden - kleine Muscheln, Schnecken, Krebse, Watt- oder Regenwürmer und Insekten. Und warum sollten sie sich so beeilen, den Start zum Weiterflug beschleunigen? Nein, das tut doch gar nicht nötig, da sind sich die Ringelgänse, die Gold- und Kiebitzregenpfeifer, die Großen Brachvögel, Pfuhlschnepfen, die Knutts und etliche mehr absolut einig. Schließlich haben sie alle genügend Zeit, ihr Gefühl, ihr Instinkt, ihr inneres Radar sagt ihnen völlig zuverlässig, dass der Winter noch fern ist, dass sie sich mit viel Bedacht und ganz ohne Hetze genußvoll stärken können, bevor sie sich wieder in die Lüfte schwingen, den Rest des We-ges angehen - die bei den einen nicht so sehr weite, die bei anderen wiederum teils sehr weite noch vor ihnen liegende Strecke. Ja, und dann gibt es noch die "Nordseeverschworenen", vor allen Dingen einige Pfeif-enten, Knutts, Seeregenpfeifer, Alpenstrandläufer, Steinwälzer wie auch Grün- und Rotschenkel, die sich überlegen, ob sie überhaupt einen weiteren Flug antreten, die sehr genau prüfen, ob sich ihnen vielleicht nicht doch die Chance bietet, ganz im Wattenmeer zu überwintern. Schließlich lockt hier die Ruhe, das fast gefahrlose Umfeld, dazu gibt's solch gute, paradiesische Nahrungsgründe, die die "Weiterreise" nicht zwin-gend erscheinen lässt - hat man doch in etlichen Wintern schon genügend Erfahrungen gesammelt, schon lange festgestellt, dass es für sie in unserer Region gar nicht zu kalt und damit ein Überleben absolut unpro-blematisch war. 
Nur einige sind da anderer Meinung, einige von denen, die sich im Frühjahr aus weit südlicher liegenden Gefil-den kommend unser kleines Paradies für die Balz, die Brut und die Jungenaufzucht ausgesucht hatten. Nicht nur die Lerchen sind's, die sich längst auf den Rückweg gemacht haben, schon Ende August die "Heimreise" antraten. Nein, auch die sehr prägnant und wunderschön gezeichneten Säbelschnäbler haben uns schon verlassen, in diesem Jahr werden wir sie und ihre langen, geschwungenen Schnäbel nicht mehr mit seitlicher Pendelbewegung im Flachwasser der Priele bei der Nahrungssuche beobachten können. Ebensowenig die sehr eleganten, riesige Entfernungen zurücklegenden Küstenseeschwalben wie auch die Zwergseeschwalben. Längst ist ihr "kriär" oder "kriürr" beziehungsweise das rauhe "kirrit" - "kürri-ik" oder harte "gik-gik" nicht mehr zu hören, weder am Tage noch in der Nacht, längst schon sehen wir sie nicht mehr flügelschlagend über den Prielen oder am Spülsaum des Meeres in der Luft "stehen", dann urplötzlich stoßtauchend im Wasser ver-schwinden und genauso schnell wieder mit einem kleinen Fischlein oder einer leckeren Nordseekrabbe im Schnabel in die Lüfte erheben.
Als Ausgleich für die "Abgereisten" erfreuen uns allerdings wieder viele von der spektakulären Massen-Mauser der mehr als 150 000 Brandgänse auf Trischen im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer in ihr hiesiges Stammquartier heimgekehrten Tiere. Vermisst hatten wir sie! Schön dass sie wieder da sind, diese mit so auffälliger Gefiederfärbung unverwechselbar ausgestatteten, wunderschön anzuschauenden Brandgänse, die sich eigenartigerweise von der Aufzucht ihrer Jungen - teils schon von dem wenige Tage alten Nachwuchs -freisagen, die ganze nach dem Ausbrüten der Eier folgende Arbeit anderen, meist älteren Tieren überlassen.
Warum nur diese Verhaltensweise, wieso entledigen sie sich ihrer Verantwortung für ihre Jungen, ziehen sich statt dessen - und das Jahr für Jahr -, kaum dass die Kücken geschlüpft sind, nach Trischen zurück, um in diesem geschützten Umfeld ungestört ihre abgenutzten Federn zwecks Erhaltung ihrer optimalen Flugeigen-schaften zu ersetzen? Ja, eigenartig mutet das schon an, lässt gar an "Rabeneltern" denken. Die Jungen gleich verlassen, in die Obhut von "Tanten" geben, nein, das entspricht so gar nicht der in der Vogelwelt an-sonsten zu beobachtenden elterlichen Fürsorge bis hin zur aufopferungsvollen Versorgung des Nachwuch-ses. Tja, ob den frisch gebackenen Brandgans-Müttern die abrupte Trennung nun leicht fällt oder nicht - wer kann das schon sagen. Ob sie ihre Kleinen vermissen, sehnsuchtsvoll an sie denken, sich um sie Sorgen machen - wer vermag dies nachzuempfinden. Nur, was sollen sie tun? Zumal ja auch die Brandgans-Erpel sich der Verantwortung entziehen, sich am liebsten - kaum ist der angenehme Teil der Nachwuchsproduktion erledigt - aus dem Staub machen, nicht an der Aufzucht, an der Unterweisung mit allen fürs Leben erforder-lichen Dingen beteiligen wollen. Also ziehen die Jung-Mütter ebenfalls nach Trischen - schließlich braucht die Mauser ihre Zeit. Eine recht lange Zeit sogar, die ihnen nach erfolgreicher Jungenaufzucht wohl kaum mehr zur Verfügung stünde. Und einfach so "neben-her" zu mausern, das ist eben ausgeschlossen, das funktio-niert nicht. Schließlich geht bei den Brandgänsen die Mauser mit einer völligen Flugunfähigkeit einher, nimmt ihnen jede Verteidigungschance für sich selbst und für den Nachwuchs. Notgedrungen entscheidet man sich dann halt dafür, die eigenen Jungen "Erzieherinnen" zu überlassen, sie in den Kindergarten zu geben und da-rauf zu hoffen, dass die Erziehung ganz in ihrem Sinne und zudem sehr verantwortungsvoll abläuft.
Nur einmal, gleich zu Beginn des Monats, tauschen wir das Konzert der Durchzügler, die im Watt und in der Luft von zig Tausend Kehlen intonierte Musik gegen ein "echtes" Konzert ein. Ein nicht nur musikalischer son-dern auch optischer Genuß der besonderen Art, der uns in unserem kleinen Paradies geboten wird. Zur Ab-wechslung ist's mal keine Darbietung in unserer kleinen aber feinen Kark, in unserer wunderschönen Hallig-kirche, sondern eine Show, wie man es vielleicht auch nennen könnte, im Hallig-Hus. Von allem gibt's etwas - zu hören und zu sehen. Von der Frühförderung kindlicher Musikschulung, von unterschiedlichster klassischer Musik samt dazu dar-gebotenem Märchenspiel 4- und 5-Jähriger, von unvergesslichen Jimmy-Hendrix-Titeln, Pop-Musik - natürlich auch im Sinne von Pop meats Classic -, obendrein Combo-, Dixieland- und Jazz-Musik, gemischtem Chor bis hin zu kleinen Sketchen. Mit viel Können und Engagement, mit viel Freude und Begei-sterung musizieren viele Menschen aller Altersgruppen, bilden kleine Einheiten, bilden eine große Einheit, für alle steht das gemeinsame Spiel, das Konzert, die Musik im Vordergrund. Und allen, ob nun Schülern, Lehrern oder Mitgliedern der Musikschule Frechen, allen ist eines gemein, unverkennbar, die Liebe zur Musik und - die Liebe zu unserem kleinen Paradies, zur Halligwelt, zu Hallig Hooge. Eine unerschütterliche Liebe, denn nicht das erste Mal, dass sie einen gemeinsamen Urlaub hier verbringen, nicht das erste Mal, dass sie mit ihren Musikinstrumenten auf die Hallig reisten, nicht das erste Mal, dass sie während ihres Aufenthaltes proben und musizieren, zum Abschluß die Halliglüüd und die auf der Hallig weilenden Gäste zu einem Konzert einladen. Ja, schon viele, viele Jahre kommen sie, über viele Jahre hinweg prägte der Halligurlaub, über 40 Jahre hinweg festigte sich dieses Ritual, der gemeinsame Hallig-Urlaub mit gemeinsamen Proben und einem Konzert, wurde fester Bestandteil in der Jahresplanung, beim Stiftungsrat der Musikschule und auch bei den einstigen Schülern - jetzt selbst Erwachsene mit Nachwuchs -, dem Schulleiter und - in diesem Jahr - selbst bei dem Bürgermeister der Stadt Frechen. Immerhin wollte er gerne dabei sein, wollte gemeinsam mit den musikali-schen Repräsentanten seiner Stadt singen und - die Ehrun-gen anläßlich des 40-jährigen Hallig-Jubiläums entgegennehmen.
Ja, als ob Lerchen von dem beeindruckenden Konzert gehört hätten, sich davon animieren ließen, auf ihrem Zug aus dem hohen Norden von Skandinavien einen Zwischensstopp in unserem kleinen Paradies einzulegen. Wie sonst lässt sich erklären, dass nur zwei-drei Tage später urplötzlich ihr typisches Trillern über die Hallig schallt, der mehr als erstaunte Blick die Überraschungsgäste ausmacht, wie sie sich bei strahlendem Sonnen-schein hoch und immer höher in den friesenblauen Himmel schrauben. Sehnsuchtsvoll klingt ihr Gesang, sehn-suchtsvoll und doch befreit von aller Verantwortung, die sie im Sommer zu tragen hatten. Ein befreites Tril-lern hoch in den Lüften über der Hallig, das Erinnerungen an das Frühjahr, den Frühsommer weckt, an die Zeit mit überschäumender Lebensfreude, an die Zeit mit soviel neu entstehendem Leben. Ein fröhliches Jubi-lieren, das einen Gruß an uns enthält, ebenso die Botschaft, dass es ein nächstes Frühjahr geben wird. Ein Jubilieren, das die Zeit bis dahin verkürzen und nicht an die immer kürzer werdenden Tage denken lassen soll.
                                 
Vielleicht ist's auch ein Jubilieren als ganz persönliche Geste zum Geburtstag, als Geburtstagsständchen von hoch oben herab mit einem Ausdruck der Begeisterung über das, was sie aus ihrer Himmelsperspektive sehen. Freilich, sie sind da ein wenig im Vorteil, sie können schon am frühen Morgen beobachten, was da ein lieber Gast als seine (besser gesagt: ihre) besondere Form der Gratulation im Garten aufbaut, wohl wissend, dass die Freude über diesen Gruß nachwirkt, nicht so schnell vergänglich ist, erst im Frühjahr mit dem Austrieb der Narzissen- und Tulpenzwiebeln den bunten Höhepunkt erreicht. Ja, diesen Tag und einige wenige Herbsttage mehr von der besonders schönen, unvergesslichen Art erfreuen sie uns noch, die Lerchen, einige Tage trillern sie immer wieder aufs Neue hoch oben am Himmel, genießen in ihrem Familienverbund die frische Halligluft, die wärmenden Sonnenstrahlen, bringen ihre Gesangskünste dar, bis auch der Letzte erfreut und nicht mehr irritiert ob des Trillerns gen Himmel schaut.
Die allergrößte Überraschung schafft allerdings ein ganz anderer gefiederter Geselle. Einer, den wir noch nie auf unserer Hallig gesehen haben, einer, den bisher wohl kaum jemals einer hier gesehen hat. Schließlich fehlt ihm hier die für ihn übliche Lebensgrundlage, mangelt es ihm zumindest für einen längeren Zeitraum oder ein dauerhaftes Leben absolut an dem Gehölz, das seine Nahrung birgt, ihm Niststätten geben könnte. Rein zu-fällig begegnen wir dem kontrastreich schwarz-weiß gefiederten Gesellen mit dem roten Unterschwanz-flecken. Auf der Schulwarft ist's, da hören wir plötzlich ein Hämmern, einen Trommelwirbel auf Holz. Wir hor-chen, wir schauen - wo kommt das nur her, schließlich gibt's hier am Warftrand keinerlei Bäume. In der Warftmitte, ja, da wachsen einige wenige, sind's überhaupt eine Handvoll? Aber hier, da wo die Warft in die Fenne übergeht, nein, weit und breit kein Baum. Die Augen versuchen das zu orten was die Ohren wahrneh-men - ohne allerdings eine Vermutung über den Verursacher zu haben. Erneutes Horchen, erneutes Schauen - und plötzlich, was ist das, was sitzt da auf oder besser gesagt am weißen Staketzaun, kaum 10 Meter von uns entfernt? Schon geht der Trommelwirbel wieder los, schon fliegen Holzspäne in hohem Bogen, dann, ein kurzes Innehalten, um ein im wahrscheinlich etwas morschen Holz lebendes Insekt zu vertilgen, und weiter geht's. Ein neuerlicher Trommelwirbel mit entsprechender Akustik, erneut fliegen viele Späne, ein größeres Stück Holz bricht ab - wieder Ruhe, Innehalten, Picken und Schlucken, dann ein paar Hopser, ein wenig seit-wärts hin zum Pfosten, ein Stückchen höher, erneutes trommelartiges Einhacken auf das Holz, das alles mit erstaunlicher Technik: die Füße krallen sich am Holz fest, der Schwanz stützt den ganzen Kerl - oder ist's ein Weibchen? Nun, der nicht sehr große Unterschwanzfleck in Rot spricht für Letzteres - oder aber: es ist kein Buntspecht sondern der ihm sehr ähnliche Blutspecht. Egal, wir können es kaum glauben, ein Specht auf unserer Hallig, auf einem Eiland, das fast keine Bäume hat. Wie ist er nur hierher gekommen? Nun, das ist natürlich eine dumme Frage, selbstverständlich kam er angeflogen. Die viel bessere Frage lautet allerdings: wo kommt "Hacki", wie wir ihn kurzerhand taufen, her, wo will er hin, ist er alleine oder gibt's noch einen Partner? Oh je, viele Fragen sind's geworden, Fragen ohne Antworten. Eines ist allerdings sicher, heimisch werden kann Hacki hier nicht, die Hallig bietet ihm keinen aus-reichenden Schutz, keine hinreichende Lebens-grundlage, wo sollte er eine Höhle zimmern. Und das wird er sicher schnell feststellen, dann, wenn er sich einen neuen Staketzaun, einen neuen morschen Pfahl suchen muss um satt zu werden. Vielleicht aber ist's ja auch nur reine Abenteuerlust von Hacki, nur ein kurzer Ausflug von einer der Inseln, um sich mal in unserem kleinen Paradies umzuschauen. Allerdings: so wie es aussieht, gefällt ihm das, was er hier sieht. Schließlich "wohnt" er, wie wir noch hören werden, schon seit einigen Tagen auf der Schulwarft. Und da doch der eine oder andere morsche Pfosten mit Larven und im Holz lebenden Insekten auf der Hallig steht, es zudem der-zeit noch keinerlei Mangel an sonstigen Insekten hat, obendrein zu Herbstbeginn genü-gend Früchte und Samen alternativ seinen Hunger stillen können, müssen wir momentan noch nicht bang um ihn sein. Er wird seinen Weg schon finden ...
Überhaupt halten sich zur Zeit viele Singvögel in unserem kleinen Paradies auf, kleine Goldies die wir sonst hier kaum mal oder eben nur ganz vereinzelt zu Gesicht bekommen: Rotkehlchen, Zaunkönige, Rotschwänz-chen, verschiedene Meisenarten, Winterhähnchen, Amseln, Singdrosseln, Rotdrosseln und einige mehr. Am Festland, ja, da sieht man sie häufig, doch nicht auf der Hallig. Allerdings die sind es nicht, die uns jetzt erfreuen, nein, diese kommen von weit her, aus dem hohen Norden. Mehrere Tage, mitunter auch 1-2 Wo-chen verweilen sie hier - ein Zwischenstopp auf dem Weg gen Süden zum wiederauffüllen verbrauchter Ener-gievorräte. Unverkennbar wohl fühlen sie sich bei uns - auf der Hallig im allgemeinen, auf unserer Warft, im Garten, ums Haus herum im beson-deren. Völlig zutraulich sind sie, ohne jegliche Angstgefühle, so, als ob sie noch nie mit Menschen in Berührung gekommen wären. Bei der Gartenarbeit muss ich schon fast aufpassen, dass ich nicht auf so ein kleines Kerlchen trete, so dicht wuseln sie um die Füße herum, picken hier nach Samenkörnern, suchen dort nach Nahrhaftem. Ist ja auch eine reich gedeckte Tafel, die sie hier vorfinden, sogar kleine - für sie wohl völlig neue - Leckereien verführen zum probieren. Schnell wird da mal durch die wenige Zentimeter geöffnete Klappe des Minitreibhauses gehuscht, an den darin noch immer reifenden Sherrytomaten genascht. Ob ich nun angepickte Sherrytomaten mag oder nicht, das interessiert sie nicht, ganz im Gegenteil, immer wieder aufs Neue lockt die Versuchung, mal sehe ich ein Meislein, dann wieder ein Rotkehlchen ins kleine Tomatenhäuschen huschen und, weil das so lecker ist, da versucht man's halt auch mal im Nachbarhäuschen mit den Paprikas. Überhaupt scheinen die kleinen Kerlchen die menschliche Nähe regelrecht zu suchen - wie sonst soll ich das bezeichnen, wenn sie am späten Abend am liebsten ins Wohn-zimmer kommen möchten? Einen Abend ist es ein Rotkehlchen, an einem anderen Abend eine Rotdrossel, die sich nicht mit dem Reinschauen begnügen wollen. Nein, sie fliegen in dunkler Nacht, wenn sie eigentlich längst schlafen sollten, auf die Sprossen der schummrig erleuchteten Fenster, klammern sich dort fest, ver-suchen - weil ihnen gefällt was sie drinnen sehen - am Sprossenfenster einen Einlass zu finden. Nur, das ge-lingt ihnen natürlich nicht, also wird's erneut versucht, mehrfach, bis man sich damit zufrieden gibt, so lange wie möglich am Sprossenfenster zu sitzen und herein zu schauen ... 
Geraume Zeit schon vermissten wir Karlchen und sein Karolinchen samt Nachwuchs - ohne uns allerdings große Sorgen zu machen. Schließlich ist das jedes Jahr so, jedes Jahr zu dieser Zeit, wenn der Nachwuchs mit allem, was man fürs Leben wissen muss, vertraut ist und alle erforderlichen Lektionen gelernt hat, dann verschwinden sie, ziehen sich zurück, um sich von uns unbeobachtet neu einzukleiden, ein frisches strah-lend-weiß-schwarzes Winterkleid anzulegen. Verständlich, wer will sich auch schon gerne dabei zugucken lassen, wenn ein zerzaustes Federkleid "ausgetauscht" wird, wenn das Fliegen ein wenig schwer fällt, sie die Flügeln im wahrsten Sinne des Wortes ein wenig hängen lassen. Da kann ich Karlchen absolut verstehen, dieses sensible und diesbezüglich auch sehr schamhafte Geschöpf ... Doch jetzt, jetzt ist Karlchen wieder zurück, ist gemeinsam mit seinem Karolinchen heimgekehrt in ihr angestammtes Revier, wenige Meter von unserem Hause entfernt, am Fuße der Warft. Nur der Junior, der kam nicht mit zurück, der hat sich abgena-belt, steht jetzt auf seinen eigenen roten Füßen. Gemeinsam mit vielen Kumpels, gleichaltrigen Burschen und auch Junggesellen der letzten Jahre, den so-genannten Schosterjungs, zieht er nun laut pfeifend über die Hallig, macht die Nacht zum Tag und den Tag zur Nacht. Die Trennung von Mama und Papa Austernfischer hat er gut verwunden - ganz so wie seine Eltern. Diese genießen nun das "Kinder-freie" Leben, das von allen Aufgaben, Lasten, dem Verantwortungsgefühl wie auch Verteidigungs-, Lehr- und Unterrichtszwang für schutzbedürftigen Nachwuchs befreite Leben. Karlchen und Karolinchen schätzen die  schöne herbstliche Zeit, "streunen" über die Hallig, gucken mal hier ein bisschen, dort ein bisschen, statten der Verwandschaft Besuche ab. Sie schauen interessiert bei dem längst erwachsenen Nachwuchs früherer Jahre wie es dem geht, freuen sich darüber, dass auch deren Nachwuchs - quasi die Enkel von ihnen selbst - gut durch den Sommer gekommen, also groß geworden ist, sich allerbester Gesundheit er-freut. Vergnügt ziehen Karlchen und Karolinchen weiter, suchen im Watt nach ein paar Leckerbissen, nach Austern, Wattwürmer und kleinen Muscheln, laben sich anschließend bei einem Bad im Priel, um an Ort und Stelle nach der ebenso erfrischen-den wie anstrengenden Reinigungszeremonie ein kleines Nickerchen zur Entspannung zu halten: auf einem Bein stehend, den Schnabel zwischen den Flügeln steckend, mit geschlossenen Augen den Stimmen der Na-tur lauschend. Ein schöner Tag für Karlchen und Karolinchen, der Wind streicht sanft übers Federkleid, ab und an lugt die Sonne ein wenig durch die Wolken, wärmt das Gefieder angenehm auf ohne gleich zuviel Wärme zu produzieren. Wie schön ist es doch hier, einfach traumhaft! Mit Nichts und Niemandem möchten sie tauschen. Doch dann passiert plötzlich etwas: es knurrt! Karlchen und Karolinchen erwachen, kommen jäh zurück in die Wirklichkeit, der schöne Traum des vergangenen Momentes ist schnell vergessen. Was war das nur? Ein neuerliches Knurren erregt ihre Aufmerksamkeit - ohne sie dann allerdings arg zu ängstigen. Denn das Knurren beginnt in ihrem Magen, lang und anhaltend, schon verselbständigt es sich, bahnt sich langsam aber nachdrücklich einen Weg nach oben, signalisiert: Karlchen und Karolinchen sind hungrig gewor-den. Also machen sie sich auf den Weg, wollen schauen, dass sie gau wieder in ihr Revier kommen, zurück zur Westerwarft, auf die Fenne mit dem herbstlichen Schilf, direkt am Fuße der Warft, in gerader Linie zum Wohnzimmerfenster von Hus Fulei. Und schon geht's los, die Jagd auf ihre Lieblingsspeise, die Jagd auf dicke, fette Regenwürmer. Hmm, lecker!!! Zwischendrin mal ein Blick hoch zum Haus, ein Innehalten und Genießen des gerade verspeisten Leckerbissens - und schon wird wieder gegraben. Der Schnabel steckt bis auf An-schlag im gut durchweichten Kleiboden, ruckelt mal nach links, dann wieder nach rechts - zack, schon zap-pelt das nächste Exemplar namens Lumbricidae in der Luft, kann sich des normalerweise roten, jetzt ein we-nig schwarzen Schnabels von Karlchen nicht erwehren, geschweige denn daraus befreien. Armer Kerl, dein letztes Minütchen hat jetzt wohl geschlagen. Doch denke daran: du tust ein gutes Werk, ein unvergessli-ches gutes, du sicherst unserem Karlchen mit seinem Frauchen das Überleben! 
Die Woche vergeht wie im Fluge. Ein leicht stürmischer Tag löst wiederrum einen stillen Tag ab, die Sonne schafft es meist, mal vom wolkenfreien, mal zusammen mit beeindruckenden Wolkenformationen die Hallig in be-sonderes Licht zu tauchen. Doch auch der Freitag ist wieder so ein ganz besonderer, wunderschöner Tag - um nicht zu sagen ein Traumtag. Da schlängeln sich schon ganz freiwillig die Wild-Aale in die im Priel ver-ankerte Reuse, sorgen wieder für leckeren Wintervorrat, da macht selbst die Gartenarbeit rundum Spaß. Die Kühle - oder ist's schon Kälte? - spüre ich dank des fast überhaupt nicht vorhandenen Windes so gut wie gar nicht. Die Sonne strahlt ungetrübt vom tiefblauem Himmel. Nur ganz in der Ferne, ganz weit hinten am Hori-zont, unmittelbar da, wo sich Horizont und Meer vereinigen, da gibt's einen schmalen Wolkenstreifen. Einen schmalen grauen, leicht diffusen Streifen, der die letzten Sekunden der untergehenden Sonne vom Traumfo-to des Sonnenuntergangs noch zurück zur Realität holen wird. Doch soweit ist's noch nicht, momentan eilen die Gedanken nicht soweit voraus. Momentan sind sie vielmehr bei den notwendigen Aufgaben des Herbstes, bei der von vielen kleinen gefiederten Gesellen aus der Gattung der Singvögel auf Schritt und Tritt äußerst aufmerksam, jedoch völlig unängstlich verfolgten Betätigung mit Spaten und Hacke. Nur die sich ständig ver-ändernden Geräusche der Halligwelt lenken ein wenig ab. Denn trotz des schläfrigen Windes ist viel Bewe-gung in der Luft. Immer wieder aufs Neue befehlen die Ohren, die Augen gen Himmel zu richten, nach den 'Verursachern' des Geschnatters zu suchen. Und siehe da, immer wieder werden die Augen fündig. Mal in sehr großer Höhe, mal in niedriger Höhe, doch immer in korrektem V-Flug oder in einer schnurgeraden Linie ziehen die Graugänseschwärme von Norden gen Süden. Die, die in niedrigerer Höhe über uns hinweg ziehen, wackeln zum Gruße leicht mit den Flügeln oder drehen gar eine Runde über unseren Köpfen. Die, die in sehr großer Höhe die Hallig überfliegen, intensivieren ihr kräftiges, dann weithin schallendes Geschnatter, um über den Umweg unseres Gehörs unsere Aufmerksamkeit zu erlangen. Schließlich wollen auch sie, wenn sie - aus Zeitgründen oder warum auch immer - schon nicht tiefer herab kommen, wenn sie schon keine Runde über der Hallig drehen können, doch wenigstens gesehen und natürlich auch zurückgegrüßt werden! Und das werden sie, jeder neue vorüberziehende Schwarm, jede Graugans bekommt gute Wünsche für den Weiterflug mit auf den Weg. Sehnsuchtsvoll folgen die Augen dem Zug der Gänse ... auf dass sie uns im Frühjahr wieder genauso erfreuen, dann, wenn sie in umgekehrter Richtung unterwegs sind, sich durch lautes Schnattern bemerkbar machen, als erste den Gruß gen Hallig rufen!
Vielleicht animiert durch das Rufen der Graugänse, vielleicht auch nur ganz einfach ihrem Drang, ihrer eige-nen Intuition folgend, starten täglich mehr der seit teils Wochen hier verweilenden Ringelgänse zum Weiter-flug. Mit einem einerseits wehmütigen und einem andererseits sehr zufriedenen Ausdruck in ihren Augen stär-ken sie sich zum letzten Mal für dieses Jahr auf unserer Warft, rupfen ein letztes Mal unmittelbar vor unseren Fenstern das saftige Gras der Hallig, gucken letztmalig neugierig ins Schlafzimmer. Morgen schon werden sie wohlgenährt, mit neuen und sicher ausreichenden Kräften versorgt ihre weitere Etappe ins Überwinterungs-gebiet antreten. Schweigsam sind sie geworden, je länger sie in unserem kleinen Paradies weilen, desto schweigsamer. Nicht, weil sie, die Ringelgänse, sich hier nicht mehr wohlfühlen, nein, ganz im Gegenteil. An-fangs, nach ihrer Ankunft, ja, da gab's noch viel zu erzählen, von der aufregenden Sommerzeit, vom Nach-wuchs, den Gefahren und Nachstellungen durch Schneefüchse, von den Tricks, mit denen sie ihre Jungen gegen die Feinde schützten, sie durchs Flegelalter zu jungen Erwachsenen erzogen, sie mit dem nötigen Rüstzeug fürs spätere Leben ausstatteten. Der Nachwuchs wiederum hatte da so seine eigenen Themen, wie das eben so ist. Nur ein Thema, das war wiederum allen gemein, die weite, sehr strapaziöse Flugreise, die Ankunft im Wattenmeer, in der Halligwelt, die paradiesieschen, fast traumhaften Erlebnisse hier. Ja, und je länger sie im hiesigen Umfeld verlorene Energien bereits auffüllten, je vertrauter sie sich in der Umgebung bewegten, desto schweigsamer und fast melancholisch wurden die Begegnungen. Denn bald schon tauchte das Schreckgespenst "Weiterflug" auf, der Gedanke ans Abschiednehmen. Nur, dagegen klagen, das ent-spricht nicht ihrer Art, schließlich wissen sie, dass das keine Lösung ist, dass der Weiterflug unabdingbarer Bestandteil ihres Lebens ist, also zieht man sich immer mehr in sich selbst zurück, wird schweigsamer und schweigsamer, genießt still die letzten Tage, die letzten Stunden auf der Hallig, sehr wohl wissend und da-rauf bauend: im Frühjahr sehen wir uns wieder!
Nebel umhüllt die Warften, wabert übers Wattenmeer, verbirgt die Nordfriesischen Inseln - nur ein kleiner Teil der Nachbarhallig ist noch schemenhaft erkennbar. Stille breitet sich aus, im Watt und über der Hallig. Die Stille des Herbstes nimmt Besitz von Watt und Hallig - nur unterbrochen von einzelnen Rufen der Möwen, vom Ruf des Windes, vom aufbrausenden Toben des Sturmes. Der Wind heult ums Haus, rüttelt mal ver-schwörerisch mal begehrlich an den Fenstern, fordert Einlaß. Doch der Wind, die Stürme, der Regen - die typischen Vertreter des Herbstes, sie alle müssen draußen bleiben, werden ausgesperrt, im gemütlich-kuschelig-warmen, kerzenerleuch-teten Heim haben sie keinen Zutritt, keine Chance.